Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Robotik: Fünf Fragen an Dominik Bösl

Wohin geht die Reise in Sachen Robotik? Die Szenarien reichen von herrschaftsergreifenden Roboter-Revolutionen über treue Butler-Begleiter bis hin zu freundlichen Arbeitskollegen. Wir haben Dominik Bösl, Professor an der Hochschule der Bayerischen Wirtschaft (HDBW), getroffen und mit ihm darüber gesprochen. Lesen Sie im Interview, wie die Robotik-Realität aussieht.

Herr Bösl, Ihr Vortrag bei der MHLC wird sich um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Robotik in Zeiten der Digitalisierung drehen. Zunächst zum Status Quo: Wie kann man die steigende Automatisierung und die parallel verlaufende Umstellung in der Arbeitswelt in Einklang bringen?

Mit Automatisierungstechnologien haben wir das unheimliche Potenzial, die Menschen zu unterstützen, indem wir Tätigkeiten automatisieren, die zum Beispiel repetitiv oder körperlich stark beanspruchend sind. Dadurch kann sich der Mensch wieder darauf konzentrieren, als Wissens- und Erfahrungsträger zu agieren und über all diese Prozesse die Kontrolle zu behalten. Dabei muss sich vor allem auch in der Bedienbarkeit der Maschinen etwas ändern: Wir müssen die Komplexität reduzieren, die Bedienbarkeit vereinfachen. Idealerweise versteht der Roboter seine Aufgabe, ohne dass er jedes Mal extra dafür programmiert werden muss. Davon sind wir zwar noch ein paar Jahre entfernt, aber es geht in die richtige Richtung. Insgesamt muss der Mensch in den Mittelpunkt; Werkzeuge müssen Werkzeuge bleiben und der Mensch die finale Kontrolle behalten.

Im Umgang mit Automatisierung haben Sie den Begriff ‚Generation R‘, also ‚Robotic Natives‘ geprägt – was zeichnet diese Generation aus und was unterscheidet sie von der Heutigen?

Menschen heutzutage wachsen als ‚Digital Natives‘ auf, in zwei Generationen wird Automatisierungstechnik im Alltag die größte Rolle spielen. Dazu werden selbstfahrende Autos gehören ebenso wie automatisierte Schranksysteme oder Roboter im Einzelhandel, vielleicht sogar schon der erste Roboter-Butler. Diese Generation wird auch keine Angst mehr vor solchen Technologien haben. Ich glaube gerade deswegen haben wir eine besonders große Verantwortung: Uns bleiben noch zwanzig, dreißig Jahre, um diese Technologien nachhaltig und sinnvoll zu entwickeln – hier sollte uns bei der Weitergabe an die nachfolgenden Generationen nicht derselbe Fehler passieren wie mit dem Internet. Hier wurde nicht ausreichend im Voraus geplant. Bei der Automatisierungstechnik müssen wir jetzt im Vorfeld überlegen, wohin wir steuern, welche Technologien sinnvoll sind und wie wir die Menschen darin involvieren.

Auf welchem Weg kann man die Menschen hier – wie Sie sagen – involvieren?

Der erste und auch der wichtigste Schritt ist der Zugang zu Informationen, die öffentlich verfügbar sein müssen. Natürlich können aus Forschungs- oder Wettbewerbsgründen nicht immer alle Details transparent dargelegt werden, aber bei den grundlegenden Entscheidungen und Entwicklungen sollte es ausreichend Material geben, zu dem jeder Zugang hat. Gerade weil die Technologie immer komplexer wird, ist es umso wichtiger, sie für alle verständlich zu erklären.

Dennoch sind Informationen allein nicht ausreichend; eine gewisse Lenkung in die richtige Richtung scheint notwendig, wenn man Ihr Diskurs-Projekt ‚Robotic & AI Governance‘ betrachtet. Welche konkreten Maßnahmen verbergen sich hinter dieser ‚Governance‘?

Wir brauchen, ähnlich wie heute bei Corporate- oder IT-Governance, gewisse verbindliche Rahmenbedingungen, denen sich Firmen und Forschungsinstitute bereit sind zu unterwerfen, um den Umgang mit Technologie zu regeln. Zum Beispiel gibt es einen breiten Konsens, dass man keine Geräte, Software oder andere Technologien herstellt, die für autonome Kriegsführung eingesetzt werden können. Wir brauchen Technologie, die für die Menschen arbeitet und keine Menschen, die für Technologie arbeiten – wir wollen Menschen helfen und sie in ihren Fähigkeiten bestärken, aber nicht ersetzen. Natürlich wird es zu Veränderungen kommen, gerade in der Arbeitswelt, aber die Intention ist durchaus ausschlaggebend.

Wenn Sie abschließend den Blick in die Zukunft richten: Welche Schritte sollten als nächstes unternommen werden, um in Sachen Robotik den richtigen Weg einzuschlagen?

Generell muss Automatisierungstechnik – vor allem auch in der Logistik – zugänglicher werden, damit auch ganz normale Mitarbeiter Roboter-Systeme in Betrieb nehmen und bedienen können, ohne zusätzlich Fachexperten zu konsultieren. Es wird sich auch einiges im Energiesektor – Stichwort Batterietechnologie – tun, was wiederum ebenfalls für die Logistik im Rahmen der fahrerlosen Transportsysteme und der mobilen Logistik von großer Bedeutung sein wird. Grundsätzlich gesehen werden Technologien von der Digitalisierung profitieren: sie werden intelligenter und können ihre Umwelt immer besser erkennen und verstehen. Hier werden wir hoffentlich in den nächsten fünf Jahren entscheidende, grundlegende Probleme lösen können.


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Hinweis: Die Veranstaltung wurde aufgrund des Coronavirus (SARS-CoV-2) verschoben und findet an einem Nachholtermin im Laufe der nächsten sechs Monate statt. (Stand 03/2020).