Gibt es Wanderkarten für Fahrzeuge im Warenlager?

Beim Wandern in den Alpen gilt: Nur wer die richtige Karte hat, kann den Weg vergessen und sich auf das Wesentliche – nämlich den Ausblick – konzentrieren. In der Intralogistik ist das nicht anders. Denn um Prozesse im Lager erfolgreich zu automatisieren, muss man genau wissen, wo sich Stapler, Roboter und Paletten wann befinden. Wie sich große Datenmengen über die vorhandene Infrastruktur einfacher beschaffen und möglicherweise standardisieren lassen, damit beschäftigte sich das kürzlich  abgeschlossene Forschungsprojekt „Industrielle Indoor-Lokalisierung“ (IIL).

„Heute werden zahlreiche Automatisierungsprojekte nur deshalb nicht realisiert, weil bei deren Umsetzung jedes Mal ein großer initialer Aufwand für die Kartenerstellung und die Inbetriebnahme von Fahrzeugen anfällt“, weiß Tino Krüger-Basjmeleh, Fachmann für Robotik beim Intralogistikexperten STILL GmbH. Die Hamburger Intralogistikexperten waren am IIL-Forschungsprojekt genauso beteiligt wie die Technische Universität Hamburg und der Sensorhersteller Pepperl+Fuchs. Das Ziel: ein quelloffener Standard zur Umgebungsmodellierung im Zeitalter der Industrie 4.0.

Eine Karte, unterschiedliche Zielgruppen

Nur wer ganz genau weiß, wo sich Stapler, Roboter und Paletten zu einem bestimmten Zeitpunkt befinden, kann die Potenziale der Automatisierung heben. Für diese Standortbestimmung braucht es detailliertes und möglichst standardisiertes Kartenmaterial.

Genau hier setzt der einheitliche IIL-Referenzrahmen an, der neben Echtzeit-Lokalisierungsdaten auch Meta-Informationen aus ERP-Systemen umfasst. Bei der Intralogistik-Wanderkarte handelt es sich also um ein digitales Zusammenspiel unterschiedlicher Datenquellen und Systemen, die im Backend („Referenzarchitektur Industrielle Indoor-Lokalisierung“, kurz RAIL) miteinander in Einklang gebracht werden.

Eine besondere Herausforderung für die Forscher: Die Wanderkarten fürs Lager sollen auch von Nichttechniker*innen schnell und einfach anpassbar sein. „Sind diese Voraussetzungen erfüllt, dann werden die intelligenten Lokalisierungstechnologien schon in naher Zukunft Kosten senken, die Produktivität steigern und die Arbeitssicherheit erhöhen,“ sagt Krüger-Basjmeleh. Mit den Ergebnissen des IIL-Projekts ist die Branche diesem Ziel einen großen Schritt näher gekommen.

STILL ILL Wanderkarte

Fließender Wechsel zwischen manuellem, vollautomatischem und autonomem Betrieb

Ein wichtiger Erfolgsfaktor des Forschungsprojekts war der von STILL eingebrachte autonome Horizontalkommissionierer OPX iGo neo.

„Mit der in dem OPX iGo neo in Serie verbauten Sensorik ist das integrierte Fahrzeugrobotiksystem bereits von Haus aus in der Lage, alle Fähigkeiten bereitzustellen, einen vollautomatisierten Betrieb abbilden zu können“, beschreibt Krüger-Basjmeleh.

Ein neuer Prototyp des Fahrzeugs zeigte während des Forschungsprojekts erstmals, wie ein Kommissioniergerät smart zwischen manuellem, assistierendem und vollautomatischem Betrieb umschaltet. Konkret heißt das: Das Fahrzeug schaltet selbstständig von dem Automatik- in den Assistenzbetrieb um, sobald es seinen Bediener mit der zuvor vollautomatisch aufgenommenen Leerpalette erreicht hat. Anschließend orientiert sich das Gerät quasi „mitdenkend“ während des sich nun anschließenden Kommissioniervorgangs an seinem Bediener und begleitet ihn, während dieser die Waren auf der Palette zusammenstellt. Am Ende des assistierten Kommissionierens bringt das Fahrzeug die Ware vollautomatisch zur ausgewählten Übergabestelle.

Dieser flüssige Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine konnte im Rahmen des IIL-Forschungsprojekts erstmals dargestellt werden – ein Novum für die gesamte Intralogistikbranche.