Was bedeutet „Silicon Economy“?

Rund zwei Milliarden Europaletten, Obst- und Gemüse-Steigen sowie Fleisch- und Brotkisten sind aktuell in Europa im Umlauf. Doch noch verfolgen, verbuchen – und verlieren – die meisten Unternehmen ihren Bestand händisch oder mit einer eigenen Software, die mit dem IT-System des nächsten Unternehmens eventuell nicht kompatibel ist. Ein Lösungsansatz für dieses und noch viele weitere Beispiele: eine „Silicon Economy“, bei der diese einzelnen IT-Inseln abgeschafft werden und eine offene Plattformökonomie für die gesamte Intralogistik aufgebaut wird.

Den Begriff der „Silicon Economy“ hat das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund geprägt. Bei dieser Wirtschaftsphilosophie werden die eigenen, auf das Unternehmen zugeschnittenen Lösungen durch offene, föderale Strukturen ersetzt. Dabei werden verteilte künstliche Intelligenzen (KI) zu den wesentlichen Treibern: Sie verhandeln, disponieren, optimieren Bestände, simulieren Warenströme oder analysieren Güter per ultraschneller Kamera. „Die vollständige Digitalisierung von Prozess- und Lieferketten mithilfe Künstlicher Intelligenz wird in der Logistik ein neues Zeitalter einläuten”, betont Prof. Michael ten Hompel, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IML.

Open-Source-Plattform für alle

Dort entwickeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam mit namhaften Unternehmen Basiskomponenten für die „Silicon Economy“, die sie über eine Open-Source-Plattform zur freien Nutzung zur Verfügung stellen. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur fördert das Projekt mit mehr als 25 Millionen Euro. In dieser neuen Welt können beispielsweise Glascontainer mit dem Sensor „Level Meter“ ihren Füllstand automatisch senden und den Altglas-Laster bestellen. Der sogenannte „Low-Cost-Tracker“ hingegen macht aus einer normalen Palette ein smartes IoT-Device: ein wasserfester Sensor registriert Stöße, Lage, Kippwinkel, Beschleunigungen und Temperatur der Palette, die bei Abweichungen selbstständig ihre aktuellen Daten an eine eigene Plattform weitergibt.

Die offene „Silicon Economy“ ermöglicht zudem neue Geschäftsfelder durch digitale Plattformen für den Intralogistik-Bereich, wie sie im Privatkundenbereich mit Amazon, Uber oder Airbnb bekannt sind. In der offenen Plattformökonomie vermitteln Paletten- oder Container-Broker ihre Dienste oder Unternehmen vernetzen sich per App mit bisher unbekannten Dritten, wie beim Projekt rund um den „e-Palettenschein”, um unnötige Leerfahrten zu vermeiden.

KI-basierte Schwarmintelligenz

Mit dem „Loadrunner” hat das Fraunhofer IML zusammen mit der KION Group außerdem ein autonomes Transportfahrzeug entwickelt, das für den Einsatz in der Silicon Economy prädestiniert ist. Die Roboter kommunizieren untereinander über 5G, koordinieren ihre Laufwege selbst, verhandeln und verbuchen Aufträge autonom. Dabei kann ein LoadRunner Schwarm von 60 Fahrzeugen ein Sortiersystem, wie es zum Beispiel in einem Paketzentrum eingesetzt wird, ersetzen. Die Technologie ist nicht nur flexibler, sondern durch die eingebaute KI auch intelligenter. Und: Bleibt ein LoadRunner stehen, muss nur ein einzelner Roboter ausgetauscht werden – während der restliche Schwarm sich neu gruppiert und unbeirrt weiterarbeitet.