Welche Veränderungen hat Corona in der Material Handling Branche bewirkt? Stefan Prokosch, Senior VP Brand Management Linde Material Handling

Bereits auf über eine Million produzierte Gegengewichtsstapler am Standort Aschaffenburg und mehr als sechzig Jahre technologischen Fortschritt blickt der Gabelstaplerhersteller Linde Material Handling zurück. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr musste sich der Intralogistikspezialist zunächst sowohl bei der Produktion als auch für interne Prozesse neue Wege überlegen. Von einheitlichen IT-Landschaften, engmaschigeren Lieferanten-Netzwerken und Kundennähe trotz Abstandsgebote erzählt Stefan Prokosch, Senior Vice President Brand Management bei Linde MH, im Interview.

Welche konkreten Auswirkungen hat die Corona-Pandemie für Ihr Unternehmen?

Mobiles Arbeiten und virtuelle Zusammenarbeit sind für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Linde Material Handling mittlerweile gelebter Alltag. Der Wandel auf Home Office hat bei uns gut funktioniert – vor allem dank der neuen Medien, ich denke vor fünf Jahren hätte das noch anders ausgesehen. Auch wenn wir bei Linde natürlich zwischen „Shop Floor“ und den Bürojobs unterscheiden müssen. Schließlich kann man keine Stapler zu Hause montieren oder einfach den Schweißroboter ins Wohnzimmer verlegen. Auf der anderen Seite haben wir zum Beispiel mit unseren internen ‚Product Information Days‘ (virtuelle Schulungstage zu den neusten Produkten, Anm. d. Red.) eine viel größere Reichweite erzielen können, weil sich auch Mitarbeitende aus Australien oder Südamerika eingewählt haben. Das werden wir in Zukunft bestimmt auch häufiger machen. Dennoch fehlt hier die Interaktion, das „Touch and Feel“, also einfach mal in den Stapler reinsetzen, Ausprobieren, Details erleben. Unabhängig davon wollen wir das Angebot an digitalen Lösungen für unsere Kunden in den nächsten Jahren stark ausweiten. Was uns durch Corona ebenfalls deutlich vor Augen geführt wurde, war die globale Abhängigkeit der Lieferketten. Als Unternehmen sind wir aber wirklich gut durch diese Pandemie gesteuert, auch dank unserer frühzeitig ergriffenen Maßnahmen.

Welche Herausforderung (durch Corona) hat Sie bzw. Ihr Unternehmen am meisten Kraft gekostet?

Zu Beginn war natürlich eine der ausschlaggebenden Fragen, wie erreichen wir unsere Kunden? Gerade in den Bereichen, in dem unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eigentlich das ganze Jahr beim Kunden vor Ort waren, war es schwierig, die Prozesse erst einmal neu zu denken und zu lernen, wie man Kunden rein digital anspricht. Heute verbringen wir den Großteil unseres Austauschs am Telefon oder in Videokonferenzen und waren sozusagen gezwungen, auch beim Thema Verkauf neue Wege zu gehen. Bei einigen Mitarbeitenden mussten auch erst einmal die heimischen Arbeitsplätze entsprechend eingerichtet werden. Diese unerwarteten Themen am Anfang haben einige Herausforderungen beinhaltet, die jedoch alle schnell und erfolgreich gelöst werden konnten. Einen besseren Change Manager als Covid-19 hätten wir uns eigentlich nicht wünschen können.

Was hat Sie persönlich in der Corona-Pandemie (in Bezug auf Ihr Unternehmen) am meisten überrascht?

Es war erstaunlich, wie effizient viele Dinge dann doch abgelaufen sind. Anstatt in ein Loch zu fallen, als wir zu Beginn im totalen Lockdown waren, haben viele effektiv ihre Altlasten abgearbeitet und sich auf die positiven Dinge konzentriert. Und wenn ich heute in unsere Auftragsbücher schaue, dann sind sie genauso gut gefüllt wie vor der Pandemie – damit haben wir selbst nicht gerechnet. Jetzt haben wir im Gegenteil eher das Problem, dass die Materialflüsse teilweise gar nicht schnell genug hinterherkommen. Zu dieser positiven Entwicklung hat natürlich auch die Impfstofflogistik beigetragen. Allgemein muss ich sagen, dass die rasend schnelle Entwicklung des Impfstoffes selbst und die dazugehörige Logistik, mich wahnsinnig beeindruckt. Man hat der Welt den Spiegel vorgehalten, aber sie hat auch verstanden, damit umzugehen.

Was hat Ihr Unternehmen durch die Corona-Pandemie gelernt?

Eine derartige Krise mit wochenlangen Lockdowns für ganze Branchen, zeitweisen Grenzschließungen und umfangreichen Schutzmaßnahmen in den Betrieben war, vor der Corona-Pandemie kaum vorstellbar. Covid-19 hat uns gezeigt, wie wichtig funktionierende Lieferketten sind. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden wir nutzen, unser Lieferanten-Risiko-Management weiter zu optimieren und unser Produktionsnetzwerk noch widerstandsfähiger zu machen. Dabei hilft uns die Digitalisierung, sprich eine einheitliche IT, die wir inzwischen über alle Werke hinweg eingeführt haben und die wir zukünftig noch stärker mit unseren Lieferanten vernetzen wollen. Unser Ziel ist es, Probleme noch früher zu erkennen, um entsprechend gegensteuern zu können.

Was stimmt Sie optimistisch für die Zeit nach Corona?

Die Pandemie-bedingten Auswirkungen haben positive Effekte für das Klima und zeigen uns neue Wege auf, wie wir der Klimaerwärmung entgegenwirken können: Beispielsweise, indem wir auch in Zukunft geschäftlich weniger reisen und stattdessen in virtuellen Meetings zusammenkommen. Nachhaltiges Wirtschaften prägt unser gesamtes betriebliches Handeln – auch in Zeiten von Corona. Alle Unternehmensentscheidungen werden unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit evaluiert. Ebenso wichtig ist für uns die Entwicklung möglichst energieeffizienter Stapler und Lagertechnikgeräte, deren Einsatz sich für unsere Kunden beim Klimaschutz und dem schonenden Umgang mit Ressourcen auszahlt – insbesondere, wenn man bedenkt, dass mehr als 80 Prozent des Energieverbrauchs eines Produktes in seiner Nutzungsphase anfallen.

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