Wie sieht effizientes Kommissionieren heutzutage aus, Herr Holzwarth?

In einem Logistikunternehmen bildet das Kommissionieren – oder genauer gesagt: das effiziente Kommissionieren – oftmals die tatsächliche Wertschöpfung im Unternehmen.  Worin die Herausforderungen liegen, wie man die Sicherheit erhöhen kann und wo das Potential und die Grenzen von Automatisierung liegen, erklärt Matthias Holzwarth, International Product Manager VNA beim Intralogistikspezialisten Linde Material Handling.

Der E-Commerce ist weiter auf dem Vormarsch, beschleunigt durch die anhaltende Pandemie – das bedeutet für viele Branchen und Warenlager einen enorm hohen Warenumschlag. Welchen konkreten Herausforderungen begegnen die Händler hier?

Schon vor der COVID-Pandemie und dem E-Commerce-Boom gab es deutliche Anzeichen dafür, dass immer mehr Kunden vor der Aufgabe stehen, immer größere Warenmengen auf kleinerem Raum lagern und umschlagen zu müssen. Denn Platz bedeutet heute Geld. Außerdem muss man die richtigen Mitarbeitenden für die vielfältige Arbeit im Warenlager finden. Das ist aufgrund des Brexits aktuell vor allem in Großbritannien nicht ganz einfach. Ein weiteres Thema ist die Skalierbarkeit und die damit einhergehende Flexibilität. Und es geht auch darum, dass gleichzeitig mit der Warenflut eine Datenflut ins Lager Einzug gehalten hat: Alle Systeme greifen bestenfalls ineinander und generieren pausenlos Daten, die detailliert ausgewertet werden können, um die Performance zu steigern. Und um all das zu bewerkstelligen, benötigt es effiziente, zuverlässige und vor allem passende Kommissionierer für die Gegebenheiten vor Ort.

Gemeinsam mit unserem Mutterkonzern, der KION Group, bieten wir mit unserem Linde MH Portfolio ein großes Sortiment von Lösungen an. Grundsätzlich kann man zwischen „Goods-to-person“ und „Person-to-Goods“ unterscheiden. Bei Linde MH sind wir auf Fahrzeuge spezialisiert, die den Fahrer zum Produkt bringen. Je nach Anzahl der Lagerplätze müssen unsere Kunden entweder in die Breite oder in die Höhe gehen. Eine weitere interessante Möglichkeit, die Lagerdichte zu erhöhen, sind Schmalganglager (Breite der Fahrwege liegt hier oft bei ca. 1,8m, Anm.d.Red.). Mit zwangsgeführten Fahrzeugen, die sich ausschließlich nach vorne und hinten bewegen können, ist hier maximale Effizienz für manuelle und semi-automatische Lösungen gegeben.

Welche Sicherheitsanforderungen müssen erfüllt werden, bevor die Kommissionierer überhaupt zum Einsatz kommen?

Sind wir im gewöhlichen Breitgang unterwegs, sind neben den herkömmlichen Anforderungen wie dem Abseilsystem für den Fahrer keine weiteren Aspekte zu beachten. Da die Fahrzeuge sich für gewöhnlich begegnen, sind Assistenzsysteme wie der Linde Safety Guard sicherheitsfördernde Maßnahmen, die die Fahrer unterstützen. Im Schmalgang hingegen gibt es weitere Anforderungen, die beachtet werden müssen. Neben den höheren Anforderungen an den Boden müssen, je nach länderspezifischer Verordnung, zusätzliche Personenschutzeinrichtungen installiert werden, zum Beispiel bei Höhen bis zu 18 Metern und den sehr geringen Abständen zwischen Regal und Fahrzeug. Um Bodenunebenheiten von bis zu 10 Millimetern auszugleichen, haben wir bei Linde MH ein aktives Fahrwerk entwickelt. Mit dem System Active Stability Control kann ein Fahrzeug auch auf unebenem Boden dieselbe Leistung wie auf einem herkömmlichem Industrieboden erreichen.

Und welche Lösungen können hier unterstützen, um sicheres Arbeiten zu ermöglichen?

Es gibt eine Vielzahl an Ansätzen, die Sicherheit zu erhöhen. Man kann hier zwischen aktiven und passiven bzw. auch sicherheitsrelevanten und Assistenzlösungen unterscheiden. Am bekanntesten sind die Lichtlösungen, wie zum Beispiel der Linde Blue Spot, oder die Roten Warnlinien, die Fußgängern ein optisches Signal geben, um genügend Abstand zum Stapler zu halten. Insgesamt gewinnen die Assistenten immer mehr an Bedeutung. Wir alle kennen sie schon lange aus unserem Auto, zum Beispiel beim Einparken mit Hilfe eines piepsenden Einparkassistent. Der Linde Safety Guard beispielsweise ist ein Assistenzsystem, das auch aktiv in das Fahrverhalten eingreift, um Gefahrensituationen zu verhindern. Beim Kommissionieren in luftiger Höhe spielt der sogenannte Rescue Alarm eine tragende Rolle. Machen verschiedene Sensoren am Gerät ein unübliches Verhalten des Bedieners aus, also zum Beispiel langes Verharren an der gleichen Position ohne Betätigung des Totmannschalters, löst das System einen immer lauter werdenden Alarm aus.

Welche Rolle spielt Automatisierung heute beim Thema Kommissionieren sowohl im Breit- als auch im Schmalgang?

Hoher Umschlag, Fehler reduzieren, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schneller einlernen – all dies sind Beschleuniger für automatisierte Lösungen. Der Kommissioniervorgang selbst ist schwer zu automatisieren, hier gibt es bisher nur erste interessante Ansätze mit Robotern. Aktuell werden vor allem Softwarelösungen wie der Linde Warehouse Navigator häufig verwendet. Hier ist es beispielsweise möglich, den schnellsten Fahrtweg zur nächsten Position zu nutzen. Im Schmalgang fährt das Fahrzeug dann eine sogenannte „Badewannenkurve“, um möglichst optimiert zum nächsten Kommissionierungspunkt zu gelangen. Neben der Zeitersparnis werden neue Mitarbeitende schnell eingelernt und Fehleinlagerungen reduziert.

Und wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung ein?

Höhere Lagerdichten bzw. steigende Hub- und Greifhöhen werden auf jeden Fall das Bild des Kommisionierens prägen. Semi-automatisierte Lösungen können hier unterstützen und den Prozess optimieren. Flexibilität ist heute das A und O und aufgrund der angespannten und unvorhersehbaren Situation in den vergangenen Monaten für einige auch existenziell. Geliehene Geräte zu Spitzenzeiten sind hier eine kostengünstige, leicht skalierbare Lösung, die Abhilfe schaffen kann. Generell ist es empfehlenswert, sich mit den Experten zusammen zu tun und jede Ausgangslage individuell zu bewerten, so findet man auf jeden Fall die für die eigenen Gegebenheiten ideale Lösung.

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