Wie treibt der aktuelle Kartonmangel Innovation im Verpackungsdesign voran?

Die Corona-Pandemie verhilft dem Online-Handel zu immer neuen Rekorden: Doch gleichzeitig herrscht Kartonmangel, weil Altpapier aus Büros und Verpackungen aus dem Einzelhandel- und der Gastronomie als Primärstoff im Recyclingkreislauf wegfallen. Das lässt die Preise steigen und bringt Hersteller von Alternativen zum altbewährten Pappkarton in Stellung.

Besonders trifft der Kartonmangel bislang Großbritannien. Der Branchenverband Confederation of Paper Industries (CPI) spricht gegenüber der BBC von einem „perfekten Sturm“: Der Trend zum Online-Handel, der sich in Verbindung mit der Corona-Pandemie noch einmal verstärkt, dazu der Brexit. Amazon und andere E-Commerce-Giganten hätten wegen der beispiellosen Nachfrage große Bestände aufgekauft zitiert die britische The Times“ Industrie-Experten. Dazu kommt: Wegen der geschlossenen Geschäfte im Lockdown fehlen deren Pappkartons wiederum in den Recyclinghöfen. Denn laut Verpackungshersteller DS Smith liegen die Kartons aus dem E-Commerce zuhause länger rum als bei Restaurants und im Einzelhandel, berichtet der BBC. Supermärkte im Vereinigten Königreich haben aus der Not heraus teilweise für Eier Plastikverpackungen statt Kartons benutzt, was aber zu Protesten in sozialen Medien führte.

Karton aus Gras

Durch die steigende Nachfrage und Änderungen im Kaufverhalten werden Out-of-the-box-Lösungen zur Pappschachtel vorangetrieben. Das deutsche Unternehmen Graspapier aus Hennef (NRW) beispielsweise nutzt Heu statt Holz. Das spart nach eigenen Angaben bis zu 95 Prozent CO2. Und: Anders als Holz wächst Gras schnell nach.

Ein anderer Weg ist die mehrfache Verwendung von Verpackungsmaterial. Ähnlich dem wiederverwendbaren Becher für den „Coffee to go“ sollen Kunden die Mehrwegtaschen einfach zurückschicken. Im Herbst 2020 starteten der Versandhändler Avocadostore, Otto und Tchibo gemeinsam eine Mehrwegversandtasche aus recyceltem Kunststoff.

Die Kunden haben freiwillig 75 Prozent der Verpackungen zurückgeschickt. Und das, obwohl sie im Test dafür keinen Pfand zurückbekommen haben und sich bei der Bestellung weder für noch gegen die Mehrwegverpackung entscheiden konnten. „Wir hatten mit einer geringeren Rücksendequote gerechnet“, sagte ein Otto-Sprecher dem Tagesspiegel.

Pappalternative zu Plastik

Mehrfach genutzt wird auch das Holzfaser-Produkt von Paptic: Es siedelt sich zwischen Hochglanzpapier und Versandtasche aus Plastik an und fühlt sich an wie das Etikett auf der Rückseite einer Jeans. Es wirkt hochwertig und wurde bei einem Test in Finnland 2019 zudem doppelt so oft wieder benutzt wie Versandtaschen aus Plastik oder Pappe. Am Ende sind diese Versandhüllen noch recycel- und kompostierbar.