Wie wird Covid-19 den Lebensmitteleinzelhandel auf lange Sicht verändern? 5 Fragen an Sean O’Farrell

Das Jahr 2020 hat den Alltag gründlich durcheinander gewirbelt: Auch die Art, wie wir unsere Lebensmittel einkaufen, hat sich geändert, und einen außergewöhnlichen Boom im E-Commerce ausgelöst. Sean O’Farrell, Global Market Development Director beim Supply-Chain-Spezialisten Dematic, erläutert die besonderen Herausforderungen für Lebensmittelhändler, die mit dem veränderten Verbraucherverhalten einhergehen – und erklärt, was sie aus Fehlern lernen können, die der allgemeinen Wareneinzelhandel und der Modehandel beim E-Commerce-Fulfillment in der Vergangenheit gemacht haben.

Wie hat sich der E-Commerce-Anteil im Lebensmittelhandel innerhalb des letzten Jahres verändert?

Vor Covid-19 lag der E-Commerce-Anteil bei den meisten Lebensmittelhändlern weltweit im Bereich von 1 bis 3 Prozent. Aber als die Pandemie in den verschiedenen Regionen um sich griff, wurde es plötzlich beliebter, von zu Hause aus einzukaufen und sich die Lebensmittel liefern zu lassen (oder sie im Laden abzuholen), einfach weil es sicherer war. Innerhalb weniger Wochen explodierte das E-Commerce-Volumen und wuchs bis Ende 2020 in vielen Regionen auf ungefähr 10 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes.

Was sind also die Herausforderungen, denen sich der Lebensmitteleinzelhandel derzeit stellen muss?

Nur sehr wenige Lebensmittelhändler waren darauf vorbereitet, Online-Bestellungen in größerem Ausmaß zu bewältigen, ganz zu schweigen davon, dass der digitale Handel mittlerweile mehr als 10 Prozent ihres Gesamtumsatzes ausmacht. Lebensmittelhändler müssen ihre traditionellen, nur auf den stationären Handel ausgelegten Lieferketten in Netzwerke umwandeln, die mit einem erheblichen E-Commerce-Volumen umgehen können – was eine Umstrukturierung ihrer gesamten Lieferkettennetzwerke beinhaltet. Wir beobachten, dass Kunden ihre Einkäufe tätigen wollen, wann, wo und wie sie wollen. Und sie wollen ihre Waren geliefert bekommen, wann, wohin und wie sie wollen. Daher müssen Lebensmittelhändler ihre Bestellmöglichkeiten und Fulfillment-Fähigkeiten verbessern, um diese Anforderungen der Kunden zu erfüllen. 

Glauben Sie, dass sich das Wachstum des E-Commerce im Lebensmittelbereich weiter beschleunigen wird – oder wird es sich verlangsamen, wenn die Pandemie nachlässt?

Wir denken definitiv, dass der E-Commerce eine feste Größe bleiben wird. Viele Verbraucher (die vor der Pandemie möglicherweise nie daran gedacht hätten, ihre Lebensmittel online zu bestellen) haben nun gelernt, dass der Online-Einkauf von Lebensmitteln nicht nur sicherer, sondern auch bequemer ist. Aufgrund dieses veränderten Verbraucherverhaltens erwarten Experten, dass sich die Verbreitung von E-Commerce im Lebensmittelhandel nach der Pandemie je nach Region zwischen 15 und 25 Prozent einpendeln wird.

Der Lebensmitteleinzelhandel durchlebt gerade eine Zeit des ständigen Wandels. Ist es für Händler ratsam, gerade jetzt einen so tiefgreifenden Wandel zu vollziehen?

Zugegeben, das ist eine Mammutaufgabe, die vielen zunächst einfach nicht machbar erscheinen mag. Es ist kein Geheimnis, dass die Abwicklung von E-Commerce-Bestellungen kostspieliger ist, als nur in den Filialen für volle Regale zu sorgen – und dass die Margen im Lebensmittelhandel ohnehin schon hauchdünn sind. Aber die aktuelle Disruption setzt Lebensmittelhändler unter Zugzwang, ihr Geschäft zukunftssicher zu machen. Ihre Situation ist vergleichbar mit der der Einzelhändler im allgemeinen Warenhandel und im Modehandel, als der E-Commerce eingeführt wurde. Viele von ihnen warteten damals erst einmal ab und wussten nicht so recht, wie sie die Situation einschätzen sollten. Ein paar Jahre später war es für viele Unternehmen dann zu spät, um auf die Tatsache zu reagieren, dass E-Commerce sich durchgesetzt hat.

Was können Lebensmitteleinzelhändler von den E-Commerce-Fulfillment-Fehlern lernen, die im Modehandel und allgemeinen Warenhandel passiert sind?

Um diese Fehler zu vermeiden und ihr Unternehmen für einen dauerhaften Erfolg zu rüsten, sollten Lebensmittelhändler frühzeitig investieren. Sie müssen nicht nur die Betriebsabläufe optimieren, um eine Erosion der Rentabilität zu verhindern, sondern sie brauchen auch die Möglichkeit, die Rentabilität in der gesamten Lieferkette genau zu verfolgen und zu messen. Und es ist definitiv besser, dies eher früher als später zu tun – denn jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, die Weichen für langfristige Profitabilität zu stellen.

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